Anläßlich
der 111 Jahresfeier der Friedrichschule Ende Juli 2006 machte Gemeinderat Ulf-Udo Hohl namens der Grünen Liste
Plankstadt (GLP) der Schule zwei Reproduktionen zum Geschenk, welche eine bisher unbekannte Berichterstattung des
"Schwetzinger Tageblatts und badische Hopfenzeitung" vom 5. und 9. November 1895 über die Einweihung
des neuen Schulhauses in Plankstadt zeigen, das erst 1960 den Namen Friedrichschule erhielt.
Mit den Worten "Ein Zufallsfund aus dem Stadtarchiv Schwetzingen" überreichte Gemeinderat Hohl das Geschenk während der Schulfeier an die erfreute Rektorin Heidrun Engelhardt-Geiß, die versprach die beiden Exponate mit einem Rahmen zu versehen und in der Schule auszuhängen.
In einer kleinen Ansprache hatte Hohl zuvor darauf verwiesen, dass nach dem Ende der katholischen Schule, die im jetzigen katholischen Pfarrhaus und der evangelischen Schule, die im jetzigen Rathaus untergebracht war, das neue "Volksschulhaus" in der Friedrichstraße die erste säkulare Schule in Plankstadt war.
Während der letzten Sitzung im Gasthaus "Engel" befaßte sich Hohl mit dem Inhalt der beiden
Dokumente, die von Vorstandsfrau Sigrid Schüller mit dem Computer bearbeitet worden waren.
Von Interesse war für ihn vor allem, die wiedergegebene Festzeremonie, die mit ihren verschiedenen Elementen
und Abläufen auch heute noch aktuell ist sowie die vom Zeitgeist und pädagogischen Pathos geprägte
Festrede des Hauptlehrers Weßlein. Als exaktes Datum der Einweihung der Schule konnte Hohl den 3. November
1895 ermitteln, an dem "eine recht ungünstige Witterung" herrschte "es regnete den
ganzen Tag."
Dennoch stellte sich "der Festzug bei der Friedenslinde auf, voraus die Schuljugend, Musik, der Gemeinderat
mit dem Herrn Bürgermeister Friedrich Treiber an der Spitze, die evangelische und katholische Geistlichkeit,
die Bauhandwerker, hierauf folgten sämtliche Vereine der hiesigen Gemeinde." Der Architekt Schneider
überreichte Bürgermeister Treiber die Schlüssel des neuen Schulhauses, der daraufhin die Türe
öffnete. In seiner Ansprache betonte er die Notwendigkeit des neuen Schulgebäudes "wegen des
immer mehr zunehmenden Bevölkerung und des hierdurch ergebenden Mangels an Schulsälen."
Bürgermeister Treiber betonte die Bedeutung der Volksschule für die Heranbildung der Jugend und übergibt
die Schulschlüssel dem ersten Hauptlehrer Johann Weßlein. Dieser versprach in seiner Festrede "daß
ich, soweit meine schwachen Kräfte reichen, Wache halten werde, damit in diesem Haus Sitte und Ordnung wohnen",
um diejenigen "die uns in diesem Hause zugeführt werden, dasselbe als richtige und tüchtige Menschen
verlassen." Er fordert die Lehrer zu "treuer Pflichterfüllung" und die lieben Kinder
"zu unermüdlichem Fleiß, Gehorsam und gesittetem Betragen auf."
Weßlein der frühere Leiter der katholischen Schule fungierte als Leiter der neuen Gemeindeschule bis
1896. Den Posten eines Rektors gab es nicht, sondern lediglich ein Gremium von 4 Hauptlehrern, die beim Unterricht
von Unterlehrern unterstützt wurden. Der Zeitungsartikel hält fest, dass es neben sieben Schulsälen,
zwei Hauptlehrer- und zwei Unterlehrerwohnungen im Schulgebäude gab. Der Bedarf an Schulsälen wurde mit
der Zeit aber immer größer, so dass die Wohnungen der Lehrer zu Schulsälen umgewandelt wurden.
Nach 1900 erhielten die Lehrer ein Wohnungsgeld von der Gemeinde und wohnten überwiegend bei Privatleuten
zur Miete.
Zurück zur Feier:
Nach dem Gesang des evangelischen Kirchenchors und des Liederkranzes kam die Geistlichkeit zu Wort. Pfarrer Kern
hob die Religion als "Grundlage wahrer Bildung" hervor, Stadtpfarrer Bartholme "die Nützlichkeit
der Schule als Unterrichts- und Erziehungsanstalt." Letzterer gab den Schülern "dringende
Ermahnungen zum Gehorsam gegen ihre Eltern und zum Dank gegen die Gemeinde."
Danach verlas Ratschreiber Hunger die Urkunde, die zusammen mit einer Flasche Wein sowie zwei Zeitungen in den
Grundstein gelegt wurden. Es folgten drei Hammerschläge von Bürgermeister und Gemeinderat. Die Schüler
bekamen ihre Brezeln und die Erwachsenen feierten ein Bankett im Gasthaus "Zur Rose", auf den Bürgermeister
Treiber einen Toast auf den Großherzog, Gemeinderechner Helmling einen solchen auf die Großherzogin
als Protektorin der Industrieschulen ausbrachten. Anschließend wurde die Nationalhymne gesungen. Weitere
Reden folgten, unterbrochen von Darbietungen der Musikkapelle und der Gesangsvereine. "Unter Gesang und
gegenseitiger Unterhaltung verlief der Abend auf's schönste."
Die Festreden zeigen nach Auffassung von Gemeinderat Hohl, dass der Erziehung der Kinder eine handfeste Pädagogik
zugrundelag, welche die Schüler in autoritärer Weise zu verläßlichen und gehorsamen Gliedern
der Gesellschaft machen wollte. Leitbild war die hausväterlich geleitete Familie. Hauptlehrer Weßlein
beschreibt in seiner Festrede das Schulhaus als imponierendes Gebäude "fest gegründet in der
Erde ruht es auf sicherem Fundamente, hoch in die Lüfte ragt es." Lehrer und Schüler sollen
sich als "eine Familie fühlen" und sich in idealistischer Weise verbinden. Dieses harmonische
Band solle über den Schulbesuch hinaus "nicht gelockert oder zerrissen werden und weder die Unterschiede
der äußeren Lebensverhältnisse und die Verschiedenheit des Bekenntnisses möge trübenden
oder störenden Einfluß ausüben." Die Rede macht deutlich, daß die sozialen Kämpfe
der Zeit, das Aufkommen der Sozialdemokratie und die anhaltenden religiösen Kontroversen auch in den Schulalltag
von Plankstadt hineinspielen. Der hoffnungsfrohe Verweis von Weßlein auf Gottes Reich, das alle Menschen
"reich und gleich" macht, sei der eher hilflose Versuch, diese Realitäten auszublenden, schloß
Hohl seine historische Exkursion in eine versunkene Welt des Plankstädter Schullebens.
ho
Anmerkung: die hervorgehobenen Textstellen sind den beiden Dokumenten des Schwetzinger Tageblattes vom 5. und
9. November 1895 entnommen.