Unter dem Motto "B 535 Nie! -- Verkehrswende jetzt.!" führte das "Aktionsbündnis gegen die B 535", bestehend aus dem Naturschutzbund (NABU) Schwetzingen, dem BUND Schwetzinger Hardt, der Grün-Alternativen Liste Schwetzingen (GAL) und der Grünen Liste Plankstadt (GLP), seine diesjährige Informations- und Festveranstaltung am "Zeitzeloch" in Plankstadt durch.
Ein grauer regnerischer Morgen verlangte dem Veranstalter, einiges an Zuversicht ab, um unverdrossen das Festgelände mit seinen Informations- und Verpflegungsständen aufzubauen. Nachdem aber um die Mittagszeit sich die Sonne zeigte, waren alle Zweifel verflogen und die Strapazen vergessen. Das Festgelände füllte sich zusehens und mit der Diskussionsveranstaltung zwischen der Bundestagsabgeordneten Dr. Angelika Köster-Loßack von Bündnis90/Grüne und dem SPD Bundestagskandidaten Lothar Binding steuerte die Veranstaltung einem ersten Höhepunkt zu.

Gemeinderat Ulf-Udo Hohl (GLP) begrüßte namens des Aktionsbündnisses die zahlreichen Besucher. Sein besonderer Gruß galt neben Dr. Angelika Köster-Loßack MdB (links) und Lothar Binding (rechts), dem Regionalgeschäftsführer des BUND, Alfons Buchtela, dem Vorsitzenden der Bürgervereinigung B 37z, Dr. Klaus Lehmann, der Vorsitzenden der SPD Plankstadt Jutta Schneider und Gottfried Türk vom Ökofond der Grünen. In seinem Grußwort lobte Türk die seit Jahren gute Arbeit des Aktionsbündnisses, sprach sich dafür aus den Widerstand gegen die B 535 fortzuführen und wünschte dem Veranstalter das notwendige Durchhaltevermögen. Der Ökofond, der mit Abgaben grüner Bundestagsabgeordnten, nicht parteigebundene Initiativen unterstützt, stellte erstmals einen ansehnlichen Betrag zur Finanzierung des "Zeitzeloch-Festes" zur Verfügung.
In der anschließenden Diskussion, die von Ulf- Udo Hohl moderiert wurde, bezeichnete dieser die "Open-air"-Diskussion
als ein Novum im Wahlkampf und bat die Grüne Abgeordnete und den SPD Kandidaten keine "Koalitionsdiskussion"
zu führen, sondern deutlich "Farbe" zu bekennen.
Auf seine erste Frage, ob ein Regierungswechsel zu SPD / Grüne nur einen Macht- oder auch Politikwechsel bedeuten
würde und welche Auswirkungen dies auf die allgemeine Verkehrspolitik hätte, sprach sich Lothar Binding
entschieden gegen eine Große Koalition aus, mahnte jedoch bei den Grünen die Regierungsfähigkeit
an. Eine "rotgrüne Perspektive" speziell auch eine Kooperation zwischen ihm und Köster-Loßack,
ist für ihn gut vorstellbar. Er und die SPD verträten eine Verkehrspolitik, die auf die Gleichberechtigung
aller Verkehrsteilnehmer abziele. Die Bahnverbindungen zwischen den Ober- und Mittelzentren Mannheim, Heidelberg
und Schwetzingen seien zu stärken. Dies erfordere ein Umdenken.
Dr. Angelika Köster-Loßack sah gleichermaßen die Chance zu einem Politikwechsel nur über
eine rotgrüne Koalition zu verwirklichen und betrachtet die Grünen als eine Kraft, die eine Energiewende
und neue Arbeitsplätze schaffen könne. Die Grünen und sie ständen für eine Verkehrswende,
die allen Mobilität gewährleisten solle und dies auch auf dem Lande. Hier sei eine zweite Bahnreform
zu realisieren, die eine bürgernahe Flächenbahn schaffen, den Abbau auch des Gütertransports per
Bahn stoppen und die Kapazität der Schiene insgesamt vergrößern solle. Die neue Verkehrspolitik
des Grünen Programms "Zukunfstfähige Mobilität" erfordere Investitionen, die Arbeitsplätze
schafften und über eine ökologische Steuerreform zu finanzieren seien.
Ganz konkret wurde es, als Hohl die Frage stellte, ob es vorstellbar scheine, daß das lauschige Plätzchen
am "Zeitzeloch", auf dem das Fest stattfand und das eigentliche Biotop, nach dem Willen der Straßenplaner
unter einer vierspurigen Betonplatte begraben würde und was eine solchen brutalen Eingriff in Natur und Umwelt
rechtfertigen könnte.
Binding konnte sich zwar das Zubauen des lauschigen Plätzchens nicht vortsellen, andererseits gäbe es
viele "Aber", die am Schluß nur den Bau einer zweispurigen B535 zuließen. So entstünden
zum einen Straßenstücke der B535 abseits des hier geplanten Abschnitts Schwetzingen/Plankstadt, zum
anderen hinge die Fortführung der Straßenbahn von Heidelberg/Eppelheim über Plankstadt nach Schwetzingen
an der Realisierung der B535. Deshalb sei die SPD für den "Kompromiß" der Zweispurigkeit.
Köster-Loßack hielt dem entgegen, eine Straßenbahn könne selbstredend ohne eine B535 Autobahn
gebaut werden, der brutale Eingriff in die Natur sei in keiner Weise gerechtfertigt: "Ich kann mir weder eine
zwei- noch eine vierspurige B 535 hier vorstellen."
Ulf- Udo Hohl wollte dann wissen, weshalb Schwetzingen immer noch auf ein solches vierspuriges Projekt versessen
sei, wenn doch die Kleinstadt über mehrere Autobahnanschlüsse verfüge und wie die ökologischen
Vorteile einer zweispurigen Straße aussehen sollten.
Binding meinte ökologisch sei die Straße an sich nicht vertretbar, wie Umgehungsstraßen überhaupt.
Realistisch gesehen aber sei das Umdenken schwierig, die "ökologischste" Lösung bestehe deshalb
in einer zweispurigen B 535. Vor 10 Jahren hätte die SPD die zweispurige Variante noch nicht befürworten
können, in der jetzt entstandenen Situation bestehe diese Möglichkeit.
Köster-Loßack sah die Gründe für das Bestehen auf der B535 Planung im politischen "Schwetzinger
Filz", der über die CDU Parteischiene eine Lobby Politik in Bonn betreibe.
Wenn es möglich gewesen sei selbst den milliardenschweren "Schnellen Brüter" in Kalkar zu verhindern,
dann sei dies auch bei der B535 möglich.
Abschließend fragte Hohl, ob es möglich sei den Bundesverkehrswegeplan dahingehend zu ändern,
daß die B535 aus dem "vordringlichen Bedarf" herausgenommen werde, um in einem "Generalverkehrsplan"
für Schwetzingen, Plankstadt und Oftersheim, Modelle einer Verkehrslenkung zu finden, welche die B535 überflüssig
machen.
Lothar Binding zeigte sich froh, daß das Geld für den Bau der Straße fehle und möchte die
B535 in zweispuriger Form in den Bundesverkehrswegeplan aufnehmen. über die danach zu realisierende Straßenbahn
seien öffentlicher und Individualverkehr zu verbinden.
Köster-Loßack setzte sich für ein Moratorium ein, um faire Wettbewerbsbedingungen zwischen den
einzelnen Verkehrsträgern erst herzustellen. Einem Generalverkehrsplan der drei Gemeinden stand sie positiv
gegenüber, da durch den in der Region versammelten Sachverstand die Straßenbahn auch ohne B535 verwirklicht
werden könne. Sie verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, daß dies durch einen Politikwechsel in Bonn gelinge
und vielleicht gebe es auch einmal in naher Zukunft einen Machtwechsel in Schwetzingen.

Die einstündige Diskussion wurde mit großem Beifall aufgenommen. Die Besucher konnten leider nicht zu Wort kommen, da Lothar Bindung zu einer anderen Verpflichtung eilen mußte.
Witterungsbedingt konnten Andre Baumann und Dr. Uta Erichsen vom NABU Schwetzingen nur eine Exkursion anbieten,
die auch dieses Jahr wieder auf großes Interesse stieß. Das "Zeitzeloch" ist im Biotopverzeichnis
des Rhein-Neckar-Kreises als besonders schützenswertes Biotop ausgewiesen, was allerdings kein Hinderungsgrund
ist, daß es durch den Bau der B535 verschwinden soll. Die botanische Vielfalt, die das Biotop auf wenigen
Hektar zu bieten hat, sorgte bei etlichen Teilnehmern für einige Überraschung. Baumann erläuterte
die Geschichte des Terrains, die in neuerer Zeit wesentlich durch den Bau einer Eisenbahnlinie von Heidelberg nach
Speyer bestimmt war. Relikte aus dieser Zeit vor 1900 sind die dichtbewaldeten Erdhügel und feuchten Tieflagen,
die den südlichen Teil des Zeitzelochs prägen, während im Norden ein schmetterlingsreicher Halbtrockenrasen
und Glatthaferwiesen mit Heckenbeständen anschließt, die ein Refugium für viele seltene Tiere und
Pflanzen darstellen. Aber auch die Menschen in diesem Bereich der Gemeinden Plankstadt und Schwetzingen profitieren
von dem Grüngürtel "Zeitzeloch" und dem vorgelagerten beliebten Kinderspielplatz.
Eine Petition des Aktionsbündnisses an den Deutschen Bundestag, in der nochmals die Gründe für die
Ablehnung der B535 dargelegt wurden, lag am Stand des NABU zur Unterzeichnung aus, wovon reichlich Gebrauch gemacht
wurde. Dort waren auch eindrucksvolle Postkarten mit Photomotiven der Pflanzen und Tierwelt des "Zeitzelochs"
zu erwerben, die Uta Erichsen "geschossen" hatte. Eine kleine Kostbarkeit waren die wohlschmeckenden
wilden Mirabellen und Pflaumen aus dem "Zeitzeloch", die bei den vielen Kindern reißenden Absatz
fanden. Weitere Informationsstände der Veranstalter dokumentierten die Geschichte des Widerstands gegen das
"Wahnsinnsprojekt B 535" oder zeigten den Trassenverlauf auf Karten und Luftbildern.
Trauben von Kindern umlagerten die Töpfer- und Maltische. Angelika Pech und Jürgen Sauer hatten alle Hände voll zu tun den Schaffensdrang der kleinen Künstler zu bewältigen, die bis in den frühen Abend hinein töpferten und malten. Manch kleines Kunstwerk wurde dann stolz nach Hause getragen.
Mit der Verpflichtung der Band "Lord Chesterfield" hatten die Veranstalter einen Glücksgriff
getan. Die anspruchsvolle Rockmusik hinterließ einen starken Eindruck. "Lord Chesterfield" verbindet
in Songs wie "Bloody Thoughts", "Fallen Man", "How Far" und "Blindness",
Einflüsse aus den Stilrichtungen Rock, Hardcore Metal, Folk und sogar Klassik. Das Ergebnis war eine ebenso
filigrane wie eingängige treibende Rockmusik. Bis in den Abend hinein spielte die Band und erst nach einigen
Zugaben war das Publikum zufriedengestellt.
Am späten Abend klang das bisher bestbesuchte "Zeitzeloch-Fest" aus, dann schlug die Stunde der
fleißigen Helfer, die das Festgelände wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzten.
uhl